Podiumsdiskussion

Über das Bluesky-Profil des Podcasts haben wir am Abend des 29. April 2026 live zur zugehörigen Podiumsdiskussion „Sprache und Gender(n)“ getickert. Die entsprechenden Posts führen wir hier zusammen. Dabei entspricht der Inhalt genau dem, was im Original gepostet wurde. Lediglich die Formatierung wurde zur besseren Lesbarkeit angepasst.

Vor Beginn der Podiumsdiskussion gab es im Foyer des Hauses Poster zu Einstimmung zu betrachten. Diese sind im Folgenden verlinkt:

Ticker

Unsere Podiumsdiskussion zu Sprache und Gender(n) startet in wenigen Augenblicken. Wir versuchen, euch halbwegs live hier über Bluesky auf dem Laufenden zu halten. Disclaimer: Alle Tipp- und Grammatikfehler sind der Eile geschuldet und verbleiben im Besitz des Tippenden.  

Die Moderation des Abends übernimmt Prof. Dr. Stefan Hartmann @stefanhartmann.bsky.social. Er eröffnet den Abend und dankt der @teambuergeruni.bsky.social für die Förderung des Projekts, aus dem Podcast und Podiumsdiskussion entstanden sind.

Zur Einführung einige Slides zum Thema Sprache und Gender(n). Nach einem kurzen Überblick zu Themenbereichen innerhalb der Genderlinguistik und einer Einführung in die Kategorien Genus, Sexus, Gender, stellt die Moderation nun das Panel vor. Tanja Stevanovic, Uni Hamburg Paul Meuleneers, Uni Duisburg-Essen, Lisa von Stockhausen, Uni Duisburg-Essen Anja Vervoorts, HHU Düsseldorf Carolin Müller-Spitzer, IDS Mannheim. Der Plan: Im ersten Teil der Veranstaltung werden überwiegend Fragen diskutiert, die vor der Veranstaltung online eingereicht wurde. Im zweiten Teil geht es dann vor allem um neue Fragen aus dem Publikum. Die Diskussion beginnt. F: Wie werden Forschungsfragen aus der Genderlinguisitk empirisch untersucht? Etwa in Sachen Wahrnehmung der Welt oder zum generischen Maskulinum. Wie funktioniert das, was kann man aus dieser Forschung ableiten?Podium (ab nun P): Wie beeinflusst Sprache die Weltwahrnehmung? Sprache wird genutzt um die Welt zu beschreiben; wie wir die Welt wahrnehmen, wird in der Sprache gespiegelt. Gendern (oder eben kein Gendern) beeinflusst wie wir Personen wahrnehmen. Genus und zugeschriebenes Geschlecht zeigen einen Zusammenhang. Studien zeigen, dass generisch eingesetzte Maskulina eher als auf Männer referierend verstanden werden. So hängen Genus und die Sicht auf Personen, dem Verstehungsprozess zusammen.P: Verkürzt – Sprache schafft Realität. Sprache schafft Interpretationsrahmen. Verschiedene Arten des Genderns akzentuieren Geschlecht verschieden. F: Hat Gendern soziale Konsequenzen? Wieso gendernde Menschen von einem durch das Gendern ausgelösten gesellschaftlichen Wandel aus? Wie sieht es mit der Attraktivität von Berufen aus?P: Hierzu gibt es konkrete Studien. Schulkindern wurden Berufe in Maskulina oder Beidnennung vorgestellt. Mädchen und auch Jungen trauten sich Berufe dann öfter zu, wenn Berufe in Beidnennung vorgestellt wurden. Das Gehalt wurde dann allerdings als niedriger eingeschätzt.P: Studien zu Stellenanzeigen gibt es auch. Bei Doppelnennung werden Bewerberinnen als passender eingeschätzt. Anzeigen mit gegenderten Jobtiteln werden häufiger von Frauen angeklickt.P: Kausalität oder nur Korrellation? Das ist eine Frage, die bei jeglicher Forschung stets im Hinterkopf behalten werden muss. Hier bedarf es bzgl. der Jobtitel-Studie weitere Forschung, die Zugriff auf notwendige Meta-Daten hat. Derartige Forschung ist aktuell in der Arbeit. F: Streitpunkt generisches Maskulinum: „Das gabs doch schon immer“ vs. „eine Erfindung aus dem 18. Jahrhundert“. Wie siehts aus? P: Voraussetzung für generische Maskulina sind feminine Gegenstücke. Maskulinum und Neutrum sind älter als das Femininum im Deutschen.P: Damals waren alle Personenbezeichnungen maskulin. Maskulina wurden damals also immer für Personen verwendet. Nach der Entstehung des Femininum wurde dieses schnell mit Weiblichkeit verknüpft. Bezeichnungen wie Mutter, Schwester wurden feminin. So enstanden Paare aus Maskulinum und Femininum. Durch diese Opposition ensteht sekundär der Eindruck, dass Maskulina mit Männlichkeit zu tun haben = Semantisierung des Genus. Das geschah vor über 2000 Jahren. Bezug zwischen Genus und Geschlecht schon in uralten Grammatiken vorhanden. Außersprachliche Faktoren, das Patriarchat, hatten ebenfalls Einfluss. Maskulina haben i.d.R. Männer bezeichnet > Frequenzeffekt, d.h. Begriffe werden mit Männern assoziiert. Schon im 16. Jahrhundert wurden Genus und Geschlecht in der Grammatikschreibung verbunden. Hier ist von geschlechtsneutralen Maskulina nicht die Rede. Es gibt allerdings Belege für derart verwendete Maskulina, auch schon im 13. Jhd. Häufiger sind jedoch explizite Formen, etwa die Beidnennung. Hinweis darauf, dass das so eingesetzte Maskulinum schon damals als nicht neutral wahrgenommen wurde. Das generische Maskulinum gibt es zusammenfassend wohl shcon lange, doch geschlechtsneutral wurde es wohl nie wahrgenommen. Der Bias des generischen Maskulinums ist also keineswegs ein neues Phänomen; er wird heute nur explizit diskutiert. F: Wie relevant ist diese ganze Diskussion für die Gleichstellungsarbeit? P: Wir haben Handreichungen zum Gendern für die, die gendern möchten. So als Tipps und Tricks. Dennoch wird die Stelle als Gleichstellungsbeauftragte von Dritten nahezu immer mit Gendern verbunden. Hochschulen sind per Gesetz verpflichtet, Männer und Frauen sprachlich gleich zu behandeln. Rolle der Gleichstellungsbeauftragten ist es, das Einhalten dieser Pflicht zu unterstützen. F: Warum polarisiert Gendern?P: Angst, Unsicherheit, vielleicht auch die Absicht, Frauen unsichtbar zu machen.P: Verschiedene Facetten. Ja, Angst, Unsicherheit, Frauenfeindlichkeit, aber auch die bereits vorhandenen, stark polarisierten Pro-und-Kontra-Debatten. Es gibt bereits zwei Seiten, denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Auch unterschiedliche Ideen von was macht Sprache, was will Sprache, was soll Sprache spielen eine Rolle. Wer hat die Macht, mit Sprache so oder so umzugehen? Polarisierung auch, weil oft mit Grundlage verschiedenen Sprachverständnisses aneinander vorbei gestritten wird. Das mediale Breittreten des Themas bewirkt, dass viele Menschen denken, sie müssten Pro- oder Kontra-Stellung beziehen. F: Macht es Sinn, generische Maskulina zu pushen, sie frequenter zu machen?P: Die Femininmovierung ist im Deutschen extrem produktiv. Die Idee steht also dem Sprachgebrauch entgegen; die Movierung ist so tief verankert, dass die Abschaffung der Movierung quasi unmöglich ist. Eine Ergänzung/Erweiterung des Movierungssystems, etwa durch Sternchenformen, ist praktikabler. Auch die Abschaffung des nominalen Genus ist sehr unwahrscheinlich; diese Idee sind zu neu. Die Schaffung neuer Pronomen gibt es zwar in anderen Sprache, z. B. Schwedisch, das Pronominalsystem des Deutschen ist jedoch komplexer. P: Englisch wird oft als Argument angeführt, da Movierung hier nicht produktiv ist. Entscheidener Unterschied: das Englische hat quasi kein Genussystem, das Deutsche hingegen schon. Abschaffung von Genus = auch Abschaffung der einfachen Möglichkeit expliziter geschlechtlicher Äußerungen. Die Formgleichheit zwischen generisch und explizit intendierter Form ist das Problem – und das Problem lässt sich nicht einfach abschaffen. F: Was ist aus linguistischer Sicht der Plural von „Forscher“?P: Der Forscher – die Forscher; die Forscherin – die Forscherinnen. Der Plural ist genuslos; „die“ markiert im Plural nicht das Femininum. F: Wie siehts mit Partizipformen aus? Sind Forschende auch Forschende, wenn sie gerade nicht forschen? Was ist „Bedeutung“ aus linguistischer und psychologischer Perspektive?P: Gebrauchsbasierte Linguistik: Bedeutung ensteht aus der Verwendung eines Wortes in der Sprache. Deswegen verblasst auch die Partizipbedeutung solcher Partizipien, wenn diese häufig entsprechend verwendet werden.P: Psychologie: Die Repräsentation – wie wird ein Wort verstanden? Daten aus Experimenten gewähren hier Einblicke. Welches Wissen wird aktiviert durch das, was sprachlich reinkommt? Wir haben ein mentales Modell von dem, was wir verstehen/zu verstehen versuchen. Hier sind Personen sehr wichtig, da Menschen soziale Wesen sind. Wie werden Personen repräsentiert? Ist die Repräsentation geschlechtsneutral oder nicht? Infos hierzu kommen aus Genus, Stereotyp und Weltwissen.P: Durch den Gebrauch durch die Jhd. hinweg ist Bedeutungswandel klar sichtbar. Beispiel: Pronomen man. „man“ stammt wirklich von „Mann“, doch die Bedeutung ist heute nicht mehr „Mann“. Ab nun Fragen aus dem Publikum. F: Studienlage, was ist der mentale Unterschied zwischen Sternchenform und Partizipialform? Was stellt man sich da vor? Gibt es da Tests, Studies?P: Wie schon erwähnt, Partizipialformen können Vorgangssemantik verlieren. Genderstern führt zu inklusiverem mentalen Bild. Neutralisierungen wie das Partizip funktionieren auch, allerdings gibt es nicht für alle Nomen entsprechende Partizipien (Schüler – Schülende?). Stern symbolisiert auch außersprachlich Inklusivitätsabsicht. F: Warum macht es überhaupt noch einen Unterschied, ob man an Männer oder Frauen denkt?P: Aus der Psychologie wissen wir, dass uns 3 Dinge immer interessieren: Geschlecht, Alter, Herkunft – ganz ohne böse Absicht. Diese Aspekte laufen immer mit, egal wann wir sind. Geschlecht ist außerdem sprachlich sehr stark verankert (Genus, aber auch geschlechtsspezifische Bezeichnungen). Geschlecht ist für uns psychologisch wichtig, entsprechend wird das auch sprachlich gespiegelt. Geschlecht wird wahrscheinlich nie bedeutungslos.P: Wichtig ist es, sich darüber unterhalten zu können – mit gegenseitigem Respekt. Gesellschaftlich ist Geschlecht weiterhin unterschiedlich verteilt (60% Studentinnen, aber nur 30% Professorinnen an der HHU z.B.).P: Geschlecht ist so fundamental, dass wir das in der Sprachgeschichte gespiegelt sehen. Wie wir bereits gehört haben, werden Genus und Geschlecht schon lange miteinander verbunden. Keine Frage, ein Beitrag: Gendern als Thema ist nicht polarisierend, Querverweis auf Umfragen mit „80% gegen Gendern“, Uni als „verrückte Parallelwelt“, nur „Leute auf dem Podest, die pro Gendern sind“. [weitere Vorwürfe, die hier nicht reproduziert werden]P: Zitiert Rechtsgutachten bzgl. Gendern als durch das Gesetz gefordert.P: Jäckle (2022) wurde im Wortbeitrag angeführt. P erklärt die Studie, ihre Methodologie und die tatsächlichen Ergebnisse. Report zu angeführten Umfragen, Beispiel WDR (2023). Große Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen des Genderns. Ca. 30% der Menschen ist Gendern wichtig; im Vergleich zu dem, was Parteien in Umfragen erhalten, ist das nicht nichts. Kritik an Umfrageformulierungen: „Was halten Sie von Gendersprache“ – zu ungenaue Fragen sind nicht zielführend. Erneut ein Beitrag, keine F: Studien würden in der realen Welt niemanden interessieren; „normale Menschen“ sähen darin keinen Mehrwert. Ideen von Durchsetzungszwängen im ÖRR. [weitere Dinge]P: Verweis auf Bundesverfassungsgerichtsurteil zum „dritten Geschlecht“ als Stein des Anstoßes bzgl. Gender-Diskussion. Diesen Menschen wird wohl kaum zugeschrieben, derartige Macht zu haben. F: Wie sieht es mit Pronomina aus? „wer“ ist als Pronomen maskulin; Neutrum im Bayerischen; singular they im Englischen. Wie siehts da mit mentalen Repräsentationen aus?P: „jemand“ und „einer“ haben einen männlichen Bias.P: Anne Rosar et al. werden als einschlägig benannt. Auch bei Pronomen kann/könnte es darauf ankommen, ob es eine feminine und eine maskuline Form gibt: jeder – jede, wer – ??? F: Wie sehr ist Gendern ein Universitätsphänomen?P: Es gibt in zahlreichen Gebieten „Gendern“. Webseiten von Kommunen, Zeitungen, Zeitschriften, anderen Medien. Aber selbst dort, wo gegendert wird, sind es extrem wenige Wörter, die betroffen sind. (www.nature.com/articles/s41…F: Wir sind aus der Schule, bei uns hat Gendern eine Relevanz (nicht nur an der Uni). Wir bekommen auf Paarformen mehr Resonanz; Gendersterne dürfen verwendet werden. Polarisierung hilft nicht weiter, wir brauche einen Konsens oder gegenseitiges Verständnis. Wie können wir das erreichen?P: Pluralität aushalten. Keine Pflichten, keine Verbote. Ob das gelingt, ist eine Frage der Haltung.P: (Nicht-)Gendern in Hausarbeiten bewerten wir nicht. Das Thema kann zwar besprochen werden, Tipps können gegeben werden, jedoch jenseits der Bewertung. Aufregung und Respektlosigkeit müssen aus der Diskussion herausgenommen werden. Sprache ist so flexibel und mächtig, bietet so viele Möglichkeiten, hält das aus. Wir sollten das auch aushalten. F: Ist das Sternchen alternativlos? Wo kommt das her? Wer hat das erfunden?P: Nein, ist es nicht. Je nachdem, wann und wen man fragt, sagen Interessensvertreter*innen von LGBTQIA+- und Sehbehindertenverbänden jedoch, dass das Sternchen die beste Option ist.P: Herkunft wohl unklar. Plausibelste These: Übernahme aus der Informatik, in der Asterisk als Platzhalter verwendet wird. Verbreitung ebenfalls schwer nachvollziehbar. Doppelpunkt inzwischen genau so frequent wie das Sternchen. F: Orthografische Korrektheit, was ist damit?P: Rechtschreibrat sagt, dass er weitere Entwicklung beobachtet. Stern gehört nicht zum „Kernbestand“ der dt. Orthografie – so wie bspw. auch Paragraphenzeichen. Sind diese Rechtschreibfehler? Nein. Sie sind schlichtweg noch nicht Teil des Kernbestands. Womöglich werden sie es eines Tages, vielleicht aber auch nicht. F: Hat die Sprache es verpasst, eine explizit maskuline = männliche Form auszubilden?P: Das wäre eine Lösung für das Problem, ja. Wieso es sich so nicht entwickelt hat? Weil durch gesellschaftliche Strukturen kein Bedarf für geschlechtsneutrale Begriffe gegeben war – es ging oft eh nur um Männer, und wenn nicht, dann waren die Frauen „egal genug“. F: Gibt es Studien dazu, ob einzelne Personen Sprachwandel in all seinen Fassaden stärker ablehnen als andere? Warum hat das Binnen-I niemanden so sehr aufgeregt wie das Sternchen?P: Argumentation zu Sternchen und bspw. Rechtschreibreform und Anglzismen sind extrem ähnlich. Ob diese von den gleichen Personen kommen, ist offen, jedoch wahrscheinlich. „Sprachwahrung“ ist wahrscheinlich keine Eigenschaft, die nur auf eine Neuerung zutrifft. Der Stern ist auffälliger im Schriftbild. Das große I ist nicht unbekannt oder neu im Schriftbild. Außerdem wird dem Stern auch außersprachlicher Inhalt zugeschrieben, bspw. Fragen zu Geschlechts- und Familienkonzepten. Nicht nur im Deutschen, auch in anderen Sprachen, z. B. dem Französischen. In den 90ern gab es parteiübergreifend Konsens zu geschlechtergerechten Gesetzestexten – dieser Konsensist heute vorbei.P: Kognitionspsychologische Sicht. Mit Neuerungen ist Anstrengung verbunden. Ob man diese auf sich nehmen möchte oder nicht, spielt eine Rolle. Unsere Zeit ist nun leider vorbei. Die Moderation beendet die Diskussion, fasst zusammen, dass die Forschung natürlich nicht an ihrem Ende angekommen ist. Großer Applaus für das Podium. Danksagung an alle Beteiligten. Vielen Dank fürs Interesse!